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"Auf die Ruhe Gottes in uns ist Verlass" - ein spiritueller Impuls

 

Liebe Gemeinde!

In unseren Kirchen dürfen wieder, zur Freude vieler, die ersten Gottesdienste gefeiert werden! Durch die aktuelle Situation sind wir in den vergangenen Wochen auch in der Seelsorge erfinderisch geworden. Nicht nur über das Fernsehen und das Internet können weiterhin verschiedene Gottesdienste mitgefeiert werden, auch Handreichungen laden zum persönlichen Beten zuhause ein. Selbst über das Telefon sind seelsorgliche Gespräche möglich. So darf ich heute über das Mitteilungsblatt mit Ihnen in Kontakt treten und einen spirituellen Impuls weitergeben.


Ich beziehe mich dabei auf ein Buch, das ich vor kurzem gelesen habe. Es ist eine Romanbiographie über Meister Eckhart, den berühmten Dominikanermönch, der zwischen 1260 und 1328 u.a. in Köln und Erfurt lebte. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der deutschen „Mystik". Christliche Mystik ist nichts Abgehobenes. Es ist ein Weg der Gottesbegegnung. Auf diesem Weg geht es darum, „hörender und feinfühliger" zu werden für Gottes geheimnisvolle Gegenwart, die uns überall und zu jeder Zeit im Alltag begegnet. Vereinfacht könnte man auch sagen: „Gott in allen Dingen finden."
Der Gott Jesu Christi wird dabei nicht nur „außen" erfahren, sondern auch „innen". Schon für die Kirchenväter wie z.B. Augustinus war es keine Frage, dass Gott in uns wohnt. ER, der Inbegriff der Liebe, ist uns innerlicher und näher als wir uns selbst. So sagt Jesus im Johannesevangelium: „Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch" (Joh 14, 20). Nach Meister Eckart bewegt sich deshalb der Mensch nicht auf Gott zu, weil er schon immer bei ihm angekommen ist. Im tiefsten Seelengrund des Menschen lebt eine Liebe, die das ganze Sein umfasst.

In der Stille und in der Meditation, im Lassen aller Vorstellungen von Gott, im „leer werden" und ganz gegenwärtig sein, können Menschen erfahren, ganz eins mit sich und mit Gott zu sein. Was in einem solchen Moment geschieht, lässt sich nur mit Annäherungen beschreiben. Erfahrungen wie diese können auch nicht herbeigeführt werden. Sie bleiben letztlich immer ein Geschenk, eine Gnade. Doch wir können uns durch den Weg in die Innerlichkeit dafür öffnen und empfänglich machen. So wird auch verständlich, was viele Mystiker und Mystikerinnen in Bezug auf das Gebet beschreiben: Je näher wir Gott sind, umso karger werden unsere Worte, umso stiller wird es.
Es gibt ein wunderbares Wort von Meister Eckhart, das gerade in Zeiten der Angst und Ungewissheit tiefen Halt bietet und zugleich ermutigt. Wer die Zeilen auf sich wirken lässt, ahnt etwas von der göttlichen Wirklichkeit, die all unser Begreifen übersteigt.


„Im Schweigen wird Gott geboren. Im Innersten sind wir nicht allein. In uns selbst können wir die göttliche Ruhe wahrnehmen und wirken lassen. Sie ist stärker als die Natur. Auf diese Ruhe Gottes in uns selbst ist Verlass. Im Raum dieser inneren Ruhe beruhigt sich die Angst und wächst die Kraft, sich selber zu erheben und die Verhältnisse zu verändern."


Wer sich mehr für die Erfahrungen von Mystikerinnen in unserer Kirche interessiert, wird in folgendem Buch fündig: „Du rührst die Saiten meiner Seele" von Ulrike Voigt, Präsenz-Verlag. Die Romanbiografie ist von Rolf Siller „Meister Eckhart, das Brennholz Gottes", Knecht-Verlag.

                                   Ihre Karin Baumann, Gemeindereferentin